Fragen an Jens Junge

1. Kindheit und Schulzeit von Jens Junge

Jens, was hat Dich als Kind begeistert?
Comics. Als ich mit Mumps gelangweilt in meinem Kinderbett lag, es Sonntag war und im Radio nur klassische Musik lief, überreichte mein Vater (Jahrgang 1926) mir seinen Stapel Comics aus seiner Kindheit. Das waren die Hefte „Kiebitz“, „Diedeldum“ und „Schmetterling“ aus den 30ern, die er fleißig gesammelt hatte. Bis 1938 ist in Nazi-Deutschland dort das Disney-Material aus den USA erschienen. Mein erster Kontakt mit Donald Duck. So begann meine Liebe zur 9. Kunst.

Schmetterling, Heft 7, 1938
Schmetterling, Heft 7, 1938, erste Geschichte mit Donald Duck als Enterich Emmerich

In dem Ostersonderheft „Schmetterling“, Heft 7, 1938 erschien die Geschichte von der Henne Gluck, in der das erste Mal Donald Duck als „Enterich Emmerich“ auftrat.

Hast Du als Kind etwa kein Fernsehen geguckt?
Natürlich! Viel zu viel. Zur Mondlandung 1969 hatten sich meine Eltern als eine der ersten Familien in unserem Mietshaus einen Farbfernseher gekauft.

Apollo Raumkapsel
Apollo Raumkapsel

Danach hatte ich plötzlich sehr viele Freunde, die mit mir im Wohnzimmer saßen und sich „Daktari“, „Bonanza“, „Raumschiff Enterprise“ oder „Winnetou“ mit mir gemeinsam anguckten. Sonntags morgens, wenn meine Eltern noch schliefen, lief kein Programm in den drei öffentlich-rechtlichenen Sendern. Da fiepte nur das Testbild, also musste ich Comics lesen und begann selbst welche zu zeichnen.

Warst Du ein Musterschüler?
Oh nein. Gar nicht. Nur durch das beherzte Engagement meiner Mutter wurde mein freier Fall von der Realschule auf die Hauptschule verhindert. Nachdem ich die 4. Realschule in Flensburg wegen dreier Rügen und dreier Tadel verlassen musste, schleppte sie mich zum Direktor der Hebbelschule in Flensburg, zum Glück auch einer Realschule. Dort befragte mich der Direktor, Herr Adolf Knottnerus-Meyer, im Bewerbungsgespräch, was mich denn interessieren würde. Nach seinem Blick auf meine Zeugnisse ahnte er schon, dass es die Schule nicht sein könnte. Ich sagte „Comics“. Meine Mutter sackte in sich zusammen und sah alle Chancen für mich davonsegeln. Aber der Direktor sagte: „Prima. Ich hatte hier an der Schule noch nie eine Schülerzeitung – machst Du uns eine?“ Begeistert nahm ich meine Arbeit auf und ein paar Wochen später erschien die „Moment“ der Hebbelschule, die ich von der 4. Realschule „mitgenommen“ habe.

Hebbelschule Flensburg, Luftaufnahme 1981
Hebbelschule Flensburg, Luftaufnahme 1981

Aber Dein Abitur musst Du dann ja doch noch irgendwie geschafft haben?
Ja, über den Umweg des Wirtschaftsgymnasiums. Immer noch fasziniert vom Zeichnen wollte ich unbedingt Grafikdesign studieren. Dazu brauchte ich Abitur.

Aber Du bist dann ein „homo oeconomicus“ geworden und hast Wirtschaftswissenschaften studiert?
Nein! Das bin ich nie geworden, ich bin immer ein „homo ludens“ geblieben! Und ja, Volkswirtschafts- und Betriebswirtschaftslehre waren Studieninhalte, die ich mir antat, aber nicht sofort. Ich hatte während der Schulzeit mehrere Schüler- und Jugendzeitschriften herausgegeben und mitproduziert („Moment“, „Der Turm“, „Auch Du“). Ab 1979 erschienen Witzezeichnungen von mir in der „Harrisleer Rundschau“, für die ich das erste Honorar erhalten hatte: 50 DM.

Witzezeichnung 1979 von Jens Junge
Witzezeichnung 1979 von Jens Junge

Der Vater meiner ersten Freundin Meike, Bernd Toelstede, stellt zwei elementare Weichen in meinem Leben. Zum einen brachte er mich auf die Idee, nach dem Abi eine Lehre als Verlagskaufmann zu absolvieren, zum anderen verschaffte er mir den ersten professionellen Auftrag, regelmäßig Comics zu produzieren. So entstand zusammen mit meinem Freund und Harrisleer Zeichnerkollegen Kim Schmidt die Comicserie „ÖDE“ für die kostenlose Wochenzeitung „Moin Moin“ aus dem Kopp-und-Thomas-Verlag in Flensburg.

ÖDE von Jens Junge 1984
ÖDE Comic Strip Nr. 16 von Jens Junge 1984 mit Oberbürgermeister Olaf Cord Dielewicz und Bundespräsident Karl Carstens

Tatsächlich lief die Serie bis Ende 2015 obwohl ich sie später von Bonn aus schon ab 1986 nicht weiter zeichnen konnte und Kim sie mit sehr viel Liebe komplett übernahm. In der Gesamtausgabe sind dann meine paar Streifen mit seiner langen Serie vereint.

Das war Öde - Gesamtausgabe
„Das war ÖDE“ – Comics von 1983-2015 aus Flensburg

Du hast als Schüler mit den Zeichnungen gut verdient?
Naja, das Taschengeld meiner Eltern reichte nie, um mir die ganzen schönen neuen Comics kaufen zu können, die damals massenhaft in den 80ern in Deutschland erschienen. Da brauchte ich eine Finanzierungsmöglichkeit.

Und warum bist Du Verlagskaufmann und nicht Comiczeichner geworden?
Kim konnte immer irgendwie besser zeichnen als ich, fand ich. Auch wenn wir uns wöchentlich mit der Erstellung der Zeitungsstrips abgewechselt haben und viele Leser den Unterschied im Strich nicht erkannten, wuchs in mir das Verlangen, mich mehr mit der Produktion und dem Verkauf guter und lustiger Inhalte zu befassen, als es weiterhin selbst zu machen. So kümmerte ich mich darum, unsere Zeichnungen bei anderen Verlagen unterzubringen und daraus ein Buchprojekt machen zu wollen. Eine Art „gesammelte Werke“. Aber kein Verlag wollte uns als Autoren. Wir waren zu unbekannt. Es hagelte nur Absagen. Also gründeten wir 1986 unseren eigenen Verlag noch während meiner Ausbildung in Bonn, die Flying Kiwi Media GmbH.

Flying Kiwi? Komischer Name…
Ja. Der kleine neuseeländische Vogel, der nicht fliegen kann. Aber der träumt ganz bestimmt täglich davon, mal wieder abheben zu können… meine Freundin Meike Toelstede war in dieser Zeit über Rotary mit einem Schüleraustausch für ein Jahr in Neuseeland. Sie brachte mir diese ferne, fremde Welt näher. Mir gefiel der kleine Vogel ohne Flügel sehr.

Logo Flying Kiwi

2. Jens Junge in Bonn

Bonn war damals Bundeshauptstadt und Deutschland noch geteilt. Wie bist Du von Flensburg aus dahin gekommen?
Ich gehöre zum dem geburtenstärksten Jahrgang in Deutschland, 1964, bin also ein „Baby-Boomer“. Es war gar nicht mein Ziel soweit in den „Süden“ zu kommen, ich liebe den Norden. Aber das „Flensburger Tageblatt“ bildete damals nur Büro- und keine Verlagskaufleute aus. Ich wollte mehr. Also bewarb ich mich bei 54 Verlagen bundesweit und nach zahlreichen Absagen erhielt ich von der Argo Verlags- und Werbe-GmbH aus Bonn-Bad Godesberg die erste Zusage.

Erst im Bewerbungsgespräch hatte ich erfahren, dass dieser kleine Verlag als Herausgeber des Fachmagazins „SpielBox“ zu dem damaligen SPD-Presseimperium gehörte und meine Ausbilderin, Rosemarie Geu, gleichzeitig Angestellte der sozialdemokratischen Wochenzeitung „Vorwärts“ war, genauso wie mein erster Chef Friedhelm Merz.

Erste SpielBox (4/81), 2. Auflage 1984
Erste SpielBox (4/81), 2. Auflage 1984

Bonn reizte mich als Stadt, weil ich schon immer sehr neugierig und politisch interessiert war. In diesem Bundeshauptdorf liefen mir täglich irgendwelche Leute über den Weg, die ich aus dem Fernsehen kannte und dann hatte ich in der Ausbildung mit Brett- und Gesellschaftsspielen zu tun. Es konnte für mich nichts Besseres geben.

Lehrjahre sind keine Herrenjahre. Oder?
Oh, das ist eine lange Geschichte. Mir konnte wirklich nichts Besseres in dieser Lehre passieren. Die Zeitschrift allein rechnete sich nicht. Nur über die Quersubventionierung durch den Vorwärtsverlag konnte das Blatt in einer adäquaten redaktionellen Qualität erscheinen. Anzeigenkunden des Vorwärts wurden massiv in jedes Heft der „SpielBox“ gedrängt. Trotzdem mussten andere Einnahmequellen erschlossen werden.

Weil die Nürnberger Spielwarenmesse eine reine Fachmesse für Fachhändler war und sich nicht für das normale Publikum öffnen wollte, startete Friedhelm Merz, unterstützt durch den damaligen SPD-Bürgermeister der Stadt Essen, anfänglich 1983 in der Volkshochschule und dann ab 1985 die jährliche Publikumsmesse „Internationale Spielertage“, die heutige SPIEL, auf dem Messegelände in Essen. Neben den Anzeigen konnte nun das SpielBox-Team für Aussteller Messeflächen verkaufen.

SPIEL in Essen 1984, Jens Junge beim Aufbau
SPIEL in Essen 1984, Jens Junge beim Aufbau

Aber die Mitgliedszahlen der SPD sanken. Die Auflage des Vorwärts sank dramatisch. Eines Tages erschien der damalige SPD-Schatzmeister, Hans-Jürgen Wischnewski, zu einer Betriebsversammlung im Verlag. Man müsse sparen. Wir „Genossen“ hatten zu verstehen, dass einige Mitarbeiter zu gehen hätten. Er verriet noch nicht direkt, wer zu gehen hat, aber in den kommenden Tagen wurde klar, dass ich als unkündbarer Auszubildender ohne Chef, ohne meine Ausbilderin Rosemarie Geu und ohne meine Kollegen als alleiniger Mitarbeiter des Argo-Verlages übrig blieb. Ich war plötzlich Anzeigenabteilung und Redaktion. Es war meine Aufgabe, das nächste Heft erscheinen zu lassen, weil man nun den Spieleverlag verkaufen wollte. Dies war die intensivste Ausbildung die man sich vorstellen kann.

Parallel musste ich mir einen neuen Ausbildungsplatz suchen, weil die IHK zu Bonn nicht einsah, dass ich mich jetzt allein ausgebildet habe. Ich brauchte einen Verlag mit einem Mitarbeiter, der die Ausbildungseignungsprüfung bestanden hatte. Inzwischen war „Ben Wisch“, wie Hans-Jürgen Wischnewski liebevoll genannt wurde, nicht mehr Schatzmeister und es folgte ihm der ehemalige Bundesinnenminister Hans Matthöfer. Diese versprach mir, sofern ich einen Verlag finde, der mich ausbilden kann, würde er mir zusagen, die fällige Ausbildungsvergütung zu übernehmen. Ich konnte also zu einem Verlag gehen und mich dort als kostenlose Arbeitskraft anbieten, wenn sie dann einen Ausbilder haben.

Das hört sich ja arg chaotisch und lehrreich an. Und welcher Verlag ist es geworden?
In Bonn gab es damals nicht so viele Verlage und ich wollte ungern aus Bonn weg, weil ich dort inzwischen sportlich sehr aktiv im 1. Godesberger Judo-Club geworden bin. Also bin ich zum Mittelstandverlag in die Heussallee 40 gegangen, direkt gegenüber vom Langen Eugen, dem Abgeordnetenhochhaus. Dort saß Dr. Peter Spary als Geschäftsführer der Mittelstandsvereinigung der CDU/CSU. Ohne Termin platze ich bei ihm rein, um meine Frage loswerden zu können, ob der Verlag einen Ausbilder hat und mich als kostenfreie Arbeitskraft gebrauchen könnte, die von der SPD bezahlt wird. Er überlegte nicht lange und entschied spontan: Ja. Karl-Heinz Schulte wurde mein neuer Ausbilder für die noch zu absolvierenden restlichen sechs Monate meiner Ausbildung. Hans Matthöfer war über meinen Schachzug gar nicht erfreut. Er dachte an einen anderen SPD-nahen Verlag. So wurde ich in Persona zu so etwas wie einer großen Koalition, weil sich SPD und CDU meine Ausbildungskosten teilten.

Und die SpielBox?
Die SpielBox musste ja weiterhin erscheinen, sie sollte als Fachzeitschriftentitel an einen anderen Verlag verkauft werden. Das war dann der Grund, warum ich neben der Ausbildung zum Ordnungsamt in Bonn rannte, um einen Gewerbeschein als Verlag und Verlagsservice anzumelden.

Denn obwohl ich für die CDU Laufbursche im Bundestagsviertel war, habe ich für die SPD deren Zeitschrift freiberuflich weiter betreut und dazu musste ich Rechnungen schreiben können. Dies ist die Geburtsstunde des Flying Kiwi Verlages. Die Zeitschrift wurde an den Huss-Verlag in München verkauft, wo die erste Ausgabe im neuen Design Anfang 1987 erschien. Ich hatte die Verlagsmitarbeiter von Wolfgang Huss in die Abläufe und das digitale Abonnentenverwaltungssystem einzuarbeiten, den Messeauftritt für die Nürnberger Spielwarenmesse vorzubereiten und wohnte deshalb zwei Monate bei Reinhard Irrgang in Kapuzinerstraße in München, bevor mein Studium in Köln begann.

Dann war das SPD-Geld das Gründungskapital für Dein erstes Start-Up?
Nein, das reichte nicht. In den 80er gab es noch den Beruf der Schriftsetzer. Diese Leute haben, so wie Johannes Gutenberg dies vor 500 Jahren erfunden hatte, mit Bleilettern das Layout für ein Druckerzeugnis erstellt. Ich hatte nun über Wieland Stahlschmidt mitbekommen, dass in einer Druckerei die Anfrage des Hänssler Verlages eingegangen war, die Bibel für angehende Theologiestudenten dreisprachig neu setzen zu lassen: In Hebräisch, mit Lautschrift und mit deutscher Übersetzung. Die besondere Herausforderung war, dass der hebräische Originaltext als Ausgangspunkt dienen sollte, also auch die Lautschrift und der deutsche Text von rechts nach links zu laufen haben. Die Bibel ist ein dickes Buch. Das Angebot an den Verlag für die anstehende Fleißarbeit der Schriftsetzer war ebenfalls „dick“. Das Projekt drohte zu scheitern.

Wieland und ich mieteten uns Apple-Macintosh-Computer. Kaufen ging nicht, die waren 1988 noch viel zu teuer. Dieser erste Mac hatte KEINE Festplatte, nur ein 3,5-Zoll-Diskettenlaufwerk, aber schon eine grafische Benutzeroberfläche. Mit Hilfe eines programmierten Skriptes konnten wir die drei Schriftreihen zügig von rechts nach linke anordnen. Fleiß war schon nötig, aber wir waren viel schneller und kostengünstiger als ein herkömmliches Satzstudio. Da so viel zu tun war, mieteten wir mehr Macs, beschäftigten Freunde und Bekannte als „Diskjokeys“, weil die 1,4 MB dieser Disketten sehr schnell voll waren. Ein besonder Dank gilt Udo Engelfried, der extrem fleißig war und viele Textzeilen konfigurierte.

Bibel Hebräisch Lautschrift Deutsch
Bibel in Hebräisch, mit Lautschrift und Deutsch (Foto: theologische-buchhandlung.de)

Dieser Satz-Auftrag hatte eine für uns sehr attraktive Marge. Vielleicht kalkulierte der Hänssler-Verlag noch mit „Bleipreisen“ im Kopf? Der Ertrag dieses Projektes war so komfortabel, dass der Flying Kiwi Verlag den Druckauftrag für sein erstes eigenes Comic „ÖDE Zeiten“ in Auftrag geben konnte.

ÖDE Zeiten
Cover Comic „ÖDE Zeiten“ 1988

3. Jens Junge in Köln

Nach Deiner Ausbildung zum Verlagskaufmann und der eigenen Verlagsgründung hast Du an der Uni in Köln angefangen Volkswirtschaft zu studieren. Was hat Dich dazu bewogen?
Ich wohnte in Bonn-Bad Godesberg, im Diplomatenviertel. Wegen meines Bürojobs hatte ich mir einen Ausgleichssport gesucht, den ich schon aus Flensburg kannt: Judo. Ich ahnte nicht, wie mich diese Sportart faszinieren wird und in was für einen Verein ich reingeraten bin. Es war der 1. Godesberger Judo Club e.V., der 1984, als ich dort anfing, mich auf die Matte werfen zu lassen, gerade sein Dojo (Vereinshaus) fertig gebaut und frisch bezogen hatte.

Ich fragte eigentlich nach dem VWL-Studium…
Moment… das hing für mich alles zusammen. Nach der Ausbildung hatte ich mich in den fast drei Jahren in Bonn sehr wohl gefühlt, dazu gehörte eine sehr nette WG mit Doris und Sascha Bakic so wie ein stark prägender neuer Freundeskreis über den Sport. Ich wollte nicht weg aus Bonn, das Bundeshauptdorf war mir ans Herz gewachsen, es ist schnell eine zweite Heimat geworden. Die Uni Köln hatte einen guten „Ruf“, sagte man.

Universität zu Köln - Hauptgebäude
Universität zu Köln – Hauptgebäude

Als gelernter Kaufmann mit Wirtschaftsabitur studiert „man“ aufbauend selbstverständlich Wirtschaftswissenschaften. Da BWL einen harten NC hatte (geburtenstarke Jahrgänge…) habe ich mit VWL 1987 angefangen. Außerdem dachte ich mir, VWL könnte mich interessieren, weil es da auch um Wirtschaftspolitik geht. Naja, für Politik habe ich mich schon immer interessiert, also wird mich das wohl begeistern können, dachte ich. Es kam anders. Mathe, Statistik, Jura und für mich persönlich irrelevante Mikro- und Makrotheoriegrundlagen quälten mich. Jedenfalls konnte ich mit dem Zug von Godesberg nach Köln-Süd die Strecke gut bewältigen und die Rückfahrt war zumeist das Schönste.

Wusstest Du nicht vorher, was im Studium auf Dich zukam?
Nein, nicht so richtig. Ich dachte, die Lehrinhalte hätten irgendwas mit der Realität zu tun. Es fiel mir aber sehr schwer, Praxisbezüge herzustellen. Da im ersten Semester ca. 1.800 Studierende mit Wirtschaftswissenschaften anfingen, in den größten Hörsaal, glaube ich, maximal 1.400 Zuhörer reinpassten, musste ich mit einigen Kommilitonen gut eine Stunde vor Beginn der Vorlesung anwesend sein, um Plätze zu reservieren. Dann kam zumeist nicht einmal der Professor zur Veranstaltung. Er schickte seinen wissenschaftlichen Mitarbeiter, der im völlig überfüllten Hörsaal vergilbte Folien auf den Overhead-Projektor legte, die wir abzuschreiben und die Kurven abzumalen hatten. Wenn jemand eine Frage stellte, kam oft die knappe Antwort, dass er das selbst nicht wüsste und wir doch bitte zu Hause den Stoff nacharbeiten sollten.

Kurz vor der Klausur waren alle natürlich stark daran interessiert, Informationen darüber zu erhalten, welche Themen in der Klausur dran kommen könnten. Der Assistent schloss das unwichtige Thema „Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung“ komplett aus. Wir sollten unseren Fokus lieber auf die anderen Themen richten. Völlig naiv haben wir Erstsemestler dieser Aussage vertraut. In der Klausur kamen nur Fragen zur Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung dran. Durchfallquote 94%. Ich wurde richtig gut im Judo und ging dann immer häufiger zum Training.

War Deine Zeit in Köln eine verlorene Zeit?
Nein. So würde ich das nicht sehen. Der Frust als Student entlud sich in anderen Aktivitäten. Godesberg war der Landesleistungsstützpunkt im Judo. Die damalige Damennationalmannschaft trainierte dort. Ich war das passende Wurfmaterial für drei unterschiedliche Gewichtsklassen: Birgit Felden (bis 61kg) und Alexandra Schreiber (Weltmeisterin 1987, bis 66kg), Bettina von Keitz (bis 72kg) und verschiedene andere. Nirgendwoanders hätte ich so intensiv und so schnell diese Sportart lernen können.

Jens Junge im Judo-Training 1987
Jens Junge im Judo-Training 1987

Mit den Kontakten zu den Spitzensportlern (z.B. auch Olympiasieger 1984, Frank Wieneke) am Olympiastützpunkt der Sporthochschule Köln und den Fotografen am Mattenrand entstand der wunderbare Fotoband „Judo Faszination“ zusammen mit Ulrich Klocke und David Finch. Bei den Turnieren klappte ich den Campingtische auf, legte die Bücher drauf und die aktuellen Medaillienträger signierten für die Judobegeisterten und Fans jedes Exemplar.

Judo Faszination, von Ulrich Klocke und David Finch
Judo Faszination von Ulrich Klocke und David Finch im Flying Kiwi Verlag, 1990

Neben den Sportaktivitäten wurde ich meinen Frust in der Studentenvertretung los. Im sogenannten WISO-Büro der Kölner Uni lernte ist Leidensgenossen kennen. Gemeinsam waren wir mit der gesamten Uni-Situation unzufrieden und organisierten uns zur Wahl des Studentenparlaments als „Die Unabhängigen“ (Unabs), die gegen die anderen sehr parteipolitischen nahen Listenvertreter antraten, um uns nicht nur für den Weltfrieden sondern auch für die Interessen der Studierenden einsetzen zu können. Mit einem intensiven, überzeugenden Wahlkampf übernahmen wir als stärkste Kraft den AStA-Vorsitz mit Markus Kraemer 1989. Und er beauftragte mich umgehend, für diesen neuen AStA ein neues Logo zu entwerfen. Mit Freude musste ich über 25 Jahre später feststellen, dass „mein“ Logo immer noch am Kölner AStA-Gebäude hing.

AStA-Schriftzug von Jens Junge
Universität zu Köln, AStA-Gebäude mit Schriftzug von Jens Junge, 1989, Foto 2014

Sport, Vereinsarbeit im 1. GJC, Studentenarbeit im WISO-Büro und bei den Unabs sowie der Aufbau des kleinen Verlages kombiniert mit einem psychisch aufbauenden parallen Studium der Geschichte beschäftigen mich also neben ausgedehnten Reisen nach Kenia, Frankreich und Finnland in meinen ersten Semestern an der Uni.

600 Jahre Universität Köln, 1388-1988
600 Jahr-Feier der Uni Köln, organsiert von Professor Hansmeyer

Du hast mehr das Leben studiert als VWL. Wie lang ging das gut?
Bis zum Mauerfall. Wie fast alle Deutschen saß ich am 9. November 1989 gebannt vor dem Fernseher und verfolgte das Geschehen an der innerdeutschen Grenze und in Berlin. In der vollen Überzeugung, ausreichend und umfassend für die kommende Prüfung bei Prof. Dr. Karl-Heinrich Hansmeyer gelernt zu haben, beschäftigte mich die Zeit der Wende als politsich interessierter Mensch intensiv. Trotz einem guten persönlichen Gefühl, seine wichtigsten Inhalte in den Finanzwissenschaften verstanden zu haben, war dann am 11. November 1989 bei mir die Zeit an der Universität zu Köln ungeplant zu Ende.

Die eingefahrene 5,0 war der dringende und drängende Impuls, mein Studium an der Fachhochschule Flensburg mit Betriebswirtschaftslehre fortzusetzen und zügig zu beenden. Es war plötzlich mein fokussiertes Ziel, vor meinem 30. Lebensjahr einen Abschluss zu erhalten. Ehemalige Klassenkameraden aus meiner Abiturklasse hatten mich kontinuierlich bearbeitet, wieder in die alte Heimat zurück zu kommen. Besonders die Schilderungen von Heiko Egehave, der berichtete, dass er abends mit seinen Professoren bei einem Glas Rotwein gemeinsame Gespräche führen konnte, machte mir den Unterschied zur Kölner Massenuni deutlich. Ab dem Sommersemester 1990 lernte ich die Vorteile einer kleinen Hochschule kennen. Das passte vorerst besser zu mir.

4. Jens Junge zurück in Flensburg

Von der Uni zur Fachhochschule, von der Theorie zur Praxis, von groß zu klein, von Köln zurück nach Flensburg. Dort hast Du Dich dann tatsächlich auf das Studium konzentriert?
Nun ja… einige der wirtschaftswissenschaftlichen Scheine aus Köln konnte ich mir in Flensburg an der Fachhochschule anrechnen lassen. So entstand ein gewisser Freiraum, den ich gern mit meiner Neugier füllen wollte. Hier im Norden war gerade 1989 die sehr ambitionierte private „Nordische Universität“ (NU) ökonomisch gescheitert. Das hatte ich live durch Thomas Friedrich mitbekommen. An dieser Privatuniversität studierten sehr engagierte und interessierte und mit der Wirtschaft gut vernetzte Studenten, die dann nach der Pleite auf die anderen staatlichen Hochschulen verteilt wurden. Es ergab sich, dass ich mit drei von ihnen zusammenkam (Götz Wiedenroth, Matthias Pietzker und Martin Weigel) und wir auf Schloss Glücksburg Symposien für Wirtschaft und Kultur veranstalteten.

Schloss Glücksburg von 1582
Schloss Glücksburg, Renaissancewasserschloss von 1582

Schloss Glücksburg liegt von Flensburg nur ein paar Kilometer entfernt. Es ist ein malerisches Wasserschloss aus dem 16. Jahrhundert und durch die geschickte Heiratspolitik der Eigentümer wurde es zur „Wiege der europäischen Königshäuser„. Der Ehemann der britischen Königin Elisabeth II., Prinz Philip, ist z.B. ein Prinz des Hauses Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg.

Symposien für Wirtschaft und Kultur? Was habt ihr als Studenten damit bezweckt?
Mit dieser Location, die uns der Eigentümer, Christoph Prinz zu Schleswig-Holstein, zur Verfügung stellte, war es möglich, zahlreiche, spannende, namhafte Manager, Unternehmer, Künstler, Musiker und Politiker zu unseren Veranstaltungen in den hohen Norden zu locken. Zum einen wollten wir das Schloss, bis dahin „nur“ Museum, mit neuem Leben füllen. Zum anderen gab es schon den Gedanken, aus diesen Top-Kontakten heraus eine studentische Unternehmensberatung gründen zu können und natürlich gute Gespräche zu führen, praxisnahe Informationen zu erhalten und zu feiern. Außerdem war uns die Interdisziplinarität wichtig. Was können Manager von Künstlern lernen? Diese Frage sollte mich in unterschieldichen Fascetten mein Leben lang begleiten. Schirmherr der Glücksburger Symposien für Wirtschaft und Kultur war z.B. der schleswig-holsteinische Wirtschaftsminister Peer Steinbrück.

Michel Friedman 1995
Michel Friedman als Vertreter des Zentralrats der Juden 1995 auf Schloss Glücksburg (acht Jahre vor seiner Prostituierten- und Kokain-Affäre)

Die Symposien und Sommerakademien waren für mich echte Highlights und weil sich die drei NU-Kommilitonen leider schnell zerstritten hatten, blieb von denen nur einer übrig, der dann das Beratungsunternehmen aufziehen wollte und ich, der Freude an der Veranstaltungsorganisation hatte.

Viele Top-Manager waren in ihren jungen Jahren als Wehrpflichtige bei der Marine in Flensburg stationiert. Neben dem attraktiven Umfeld hatten so einige auch sehr persönliche und emotionale Gründe, uns bei der Anfrage nach einem Beitrag zu unterstützen, weil sie durch uns einen Grund erhielten, erneut in den schönen Norden zu reisen.

Das hört sich spannend an, aber hat sich diese Network-Tätigkeit wirklich gelohnt? Ihr wart anfangs Studenten, ohne Abschluss…
Ja, aber das Studium konnte ich tatsächlich „nebenbei“ Anfang 1993 als Diplom Betriebswirt zu Ende bringen und diese Kontakte veränderten mein Leben gravierend, z.B. durch Klaus P. Friebe (1935-2017), den damaligen Direktor der Technolgiestiftung Schleswig-Holstein (TSH).

Klaus P. Friebe 1995
Klaus P. Friebe 1995 in Glücksburg, Direktor der Technologiestiftung Schleswig-Holstein

In einem unserer Gespräche bekam er mit, dass ich mich schon mit Computern auseinander gesetzt hatte. Wir unterhielten uns über die neuen „Online-Dienste“, dass jetzt PCs miteinander telefonieren könnten und spekulierten gemeinsam, was das alles in Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft verändern könnte. Ich hatte bisher nicht die Zeit und Muße, mich damit intensiv zu beschäftigen, signalisierte nur mein Interesse und schon erwuchs daraus die Idee, für die Technologiestiftung ein „Grünbuch“ zu erstellen, in dem strukturiert die Veränderungspotentiale der aufkommenden Internet-Technologien beschrieben werden sollten.

Angebot und Auftrag waren schnell geschrieben und die Suche nach zukünftigen „Killer-Applikationen“ begann. Er setzte bei mir den Impuls, mich gründlich mit den Themen rund um „Multimedia“ zu beschäftigen, wie damals der Beginn der Digitalen Transformation hieß. Ich bekam die Chance, die gerade aufkeimende neue Branche mit ihren Akteuren, Agenturen und Dienstleistern aufgrund des Rechercheauftrages der TSH kennenzulernen.  Am 17. August 1995 gründete sich der „Deutsche Multimedia Verband e.V.“ der sich heute „Bundesverband Digitale Wirtschaft e.V.“ (BVDW)  nennt.

Als Initiator des VDI/VDE Technologiezentrum in Berlin, das er 21 Jahre leitete, gab mir Herr Friebe mit seinen Erfahrungen den Hinweis,  dass sich junge Unternehmen einer neuen Branche zu einem Verband zusammenschließen müssten, dass es eines gemeinsamen Konzeptes und Vorgehens der unterschiedlichen Marktteilnehmer bedarf, um überhaupt einen gemeinsamen Markt mit den dazu passenden Spielregeln oder gar Standards und Normen zu schaffen, den Markt so hoffentlich zu festigen.

Logo SHMIT 1999
Schleswig-Holsteinischer Verband für Multimedia und Informationstechnologien e.V. (SH://MIT)

Als ich ab 1999 selbst mit der Ticcon AG als Internetdienstleitungsagentur unternehmerisch tätig wurde, initiierte ich parallel die Gründung des „Schleswig-Holsteinischen Verbandes für Multimedia und Informationstechnologien e.V.“ ( SH://MIT)  als regionalem Verband für Schleswig-Holstein und als Regionalpartner des dmmv. Die Gründungsversammlung in der Technologie-Transger-Zentrale Schleswig-Holstein (ttz SH) wählte mich als Flensburger zum Vorsitzenden, Sören Mohr (Werbeagentur New Communication, Kiel) zum Stellvertreter und Frank Ebert (Ebert-Beratung, Wedel) zum Kassenwart.

Das Thema Networking habe ich von Klaus P. Friebe „aufgetragen“ bekommen und mit Freude umgesetzt. Sieben Jahre war ich somit im Gesamtvorstand des dmmv / BVDW und als Vorstandsvorsitzender des SH://MIT / DiWiSH (Digitale Wirtschaft Schleswig-Holstein e.V.) aktiv.

Logo DiWiSH
DiWiSH – Nachfolger des SH://MIT

Viele Digitalfirmen habe ich aufgrund dieses Netzwerkes von 1995 bis 2007 kommen und gehen sehen und politisch für die Branche viel erreicht. Ich glaube nicht, dass ich ohne die Glücksburger Symposien und Klaus P. Friebe diesen Weg so gegangen wäre.

Noch einmal zurück zum Studium an der Fachhochschule. Ok, Du hast den Freiraum im Studium ausführlich genutzt, um für Dich, Deine Unternehmungen und sogar für die neue Digitalbranche Weichen zu stellen. Gab es Professoren, die nicht nur ihre unmotivierten Assistenten in die Vorlesungen geschickt haben und Dich direkt geprägt haben?
Definitiv. Positive und negative Erlebnisse haben mich geprägt. Wie es wohl immer so ist. Sehr anregend, motivierend und den Blick öffnend empfand ich Porf. Dr. Wolfgang Linker im Bereich Marketing. Nicht nur, dass er ein Comic-Fan ist, er hat in seinen Vorlesungen den Menschen in den Mittelpunkt gestellt. Mit seinen zahlreichen Buchtipps und Gedankenreisen in die Psychologie, Philosopie, Soziologie und Pädagogik füllte er nicht nur meine Bücherregale. Durch ihn bekam ich eine ganzheitliche Sichtweise auf das Unternehmertum, Zugang zu Kybernetik und Systemtheorie. Das war Anfang der 90er-Jahre in der Lehre noch sehr selten. Inzwischen ist er emeretiert und betreibt mit seiner Frau Claudia die ALS-Aktivierenden Lernsysteme GmbH.

Die negativen Beispiele waren die Professoren, die weiterhin die „reine Lehre“ des sich alleinig rational verhaltenden Ökonomens vor sich hertrugen und weiterhin meinten, Nutzen mathematisch exakt berechnen zu können. Die glaubten, dass Wachstum und Gewinnmaximierung die einzigen Zielgrößen im Unternehmen zu sein haben.