Jürgen Hermann Wilhelm Junge
(22.02.1926 – 16.03.2025)
Kindheit in Lübeck
Mein Vater wurde in Lübeck 1926 geboren und ist dort im Stadtteil St. Lorenz in der Wickedestraße 33/35 und der 37 aufgewachsen. Seine Eltern waren Erna Junge (geb. Lanzenberg) und Adolf Junge. Einige Fotos aus dem privaten Fotoalbum, ergänzt um historisch passende Aufnahmen, zeigen einige Aspekte seines Lebensweges, die auch mich und meinen Bruder Jörg stark geprägt haben.

Die Eltern von Jürgen Junge: Erna Marie Dorothea Junge, geb. Lanzenberg, geb. am 27.08.1890 in Walsrode (Vorbrück), vermählt am 25.05.1919 in Walsrode, gestorben am 14.08.1950 in Lübeck. Adolf Friedrich Christian Johann Junge, geb. am 12.02.1881 in Bad Oldesloe, gestorben am 28.12.1959 in Lübeck, Beruf: Telegraphensekretär bei der kaiserlichen Reichspost und davor Soldat im 3. Brandenburgischen Husaren-Regiment.

Adolf Junge war 45 Jahre alt und Erna Junge 35 Jahre, als sie Eltern wurden und ihr Sohn Jürgen das Licht der Welt am 22.02.1926 erblickte. Für die damalige Zeit ein sehr hohes Alter für beide, um Nachwuchs zu bekommen. Jürgen blieb Einzelkind. Wie kam es dazu? Zum einen haben beide erst sehr spät 1919 in Walsrode nach dem Krieg geheiratet. Adolf Junge war schon 38 Jahre alt. Die Zeit im Anschluss an den I. Weltkrieg war sehr anstrengend und ärmlich. Das Deutsche Reich hatte als Kriegsverlierer an die Gewinnernationen Reparationszahlungen zu leisten und wusste sich nur über eine unheimliche Geldvermehrung zu retten, was dann bis 1923 eine Hyperinflation und letztendlich eine notwendige Währungsreform auslöste. Ein Brot kostete Billionen Reichsmark. Das Geld musste mit der Schubkarre zum Bäcker gefahren werden und ein Briefporto kostete erst 5, dann 20 Milliarden Reichsmark.

Nach der Währungsreform verfolgte die Regierung in der Weimarer Republik einen gegenteiligen Wirtschaftskurs mit einer extremen Sparpolitik, wohl nicht ahnend, dass duch die Deflation, die das ökonomische Elend und die Arbeitslosigkeit extrem wachsen ließ, die Nationalsozialisten unter Adolf Hitler eine Diktatur ab 1933 errichten werden und den II. Weltkrieg im Sinn haben. Bis man sich in den 1920ern ein Kind „leisten“ konnte, dauerte es. Außerdem hatte der Vater von Jürgen starke psychische Beeinträchtigungen, weil er die kompletten vier Jahre des I. Weltkrieges als Frontsoldat durchleben musste. Dreimal wurde er von Geschossen und Granatsplittern verletzt, in Larzaretten wieder „zusammengeflickt“ und erneut an die Front geschickt. Er hat es überlebt, aber sehr viel Tod und Elend erleben müssen.

Die Kriegserfahrungen und die damit verbundenen Probleme und Verhaltensweisen des Vaters in der Zeit der Weimarer Republik prägten auch den Jürgen in seiner Kindheit. Um seinen Sohn zu schonen, hat er kaum etwas von seinen Kriegserfahrungen berichtet. Nervöse Zuckungen, schlechter Schlaf oder nur sehr kurze, knappe, eindeutige Ansagen waren markante Eigenschaften des Vaters. In seiner Kennkarte vom 18.02.1945, dem damaligen Personalausweis, stand nur: „Linker kleiner Finger verkrüppelt“. Ein preußischer Erziehungsstil sowie das Beamtentum mit Pflichterfüllung und Pünktlichkeit prägte nicht nur Jürgen, sondern auch noch mich. „Fünf Minuten vor der Zeit ist des Preußen Pünktlichkeit!“ Jürgen selbst beschrieb seine Eltern trotzdem als sehr liebevoll.

Einen Fotoaparat konnte sich in den 1920ern kaum eine Privatperson leisten. Wenn man als stolzes Elternpaar ein Foto von seinem Nachwuchs haben wollte, ging man zu einem professionellen Fotografen. So entstanden diese zwei Aufnahmen von Jürgen aus dem Jahr 1929, wo er nicht besonders fröhlich wirkt.

Jürgens Vater war neuen technischen Entwicklungen gegenüber sehr aufgeschlossen. So hatte er bei der Reichspost als Telegraphensekretär intensiv mit dem Ausbau des neuen Telefonnetzes in Lübeck zu tun. Zu telefonieren war damals sehr innovativ und teuer. Aber weil ihm die Fotos von dem Profifotografen nicht gefielen, er auch Bilder aus dem Alltag haben wollte, mit einem fröhlichen, natürlich wirkenden Sohn, sparte er, bis er sich einen eigenen Fotoaparat leisten konnte. So zog die Freude der Fotografie in die Junge-Familie ein.

Anfangs wohnte die dreiköpfige Familie Junge in Lübeck in der Wickedestraße 37 im Erdgeschoss (s. blaues Haus) in einer Zwei-Zimmer-Wohnung, die sie sich leisten konnten. Schlafzimmer nach hinten raus, Wohnzimnmer zur Straße und eine kleine Küche. Als die Enkelkinder Jonathan und Justus sich diese Wohnung einmal zu Opas 80. Geburtstag 2006 ansehen konnten, fragten sie ganz verdutzt, wo denn sein Kinderzimmer gewesen sei… das gab es nicht. Jürgen schlief bei seinen Eltern im Bett und die Hausaufgaben wurden am Küchentisch erledigt. Zum Glück ergab es sich später, dass im 1. Stock des Nachbarhauses eine Wohnung frei wurde und die drei wohnten dann in der Nr. 33/35 (s. gelbes Haus, fotografiert 2025). Der Durchgang zum Hof wurde genuzt, wenn man z.B. zur Toilette wollte. Die gab es in beiden Wohnungen damals noch nicht, geschweige denn ein Badezimmer.


Spielen? Eigentlich nur draußen. Die Wohnungen waren für Kinder oft zu klein. Freunde traf Jürgen auf der Straße. Dort wurden zahlreiche Spiele auf den wenig befahrenen Straßen gespielt. „Pickern“ wurde das Murmelspiel mit den Kuhlen und Vertiefungen genannt, wenn die Glasperlen aufeinandertrafen, „Klack“ machten, so, wie ein Vogel auf den Boden pickt.
Schulzeit
Für Jürgen begann „der Ernst des Lebens“ 1932 mit seiner Einschulung in die „1. St.-Lorenz-Knabenschule“ im Steinrader Weg 9 in Lübeck, direkt am Lübecker Hauptbahnhof, 800 Meter zu Fuß von seinem zu Hause in der Wickedestraße. Seine Klasse war die 8b. Auf dem Zeugnis von 1934 steht ein neuer Schulname: „Gotthard-Kühl-Schule“ (Gotthardt Kuehl, 1850-1915, war ein Lübecker Künstler, Maler, einer der frühen Impressonisten) und nach der Grundschulzeit ging es ab 1936 auf die „Ernst-Moritz-Arndt-Mittelschule“ in Lübeck (später ein Teil der Bernd-Notke-Schule, Ernst-Moritz Arndt, 1769-1860, war ein „nationalistischer“ deutscher Historiker, Dichter und Politiker). Diese Schule hieß beim Schulabschluss am 21. März 1942 nur noch „Arndt-Mittelschule“.

Auch Herbert Frahm, alias Willy Brandt, Jahrgang 1913, ging auf die St.-Lorenz-Knabenschule in Lübeck und wurde dort 1920 eingeschult, 12 Jahre vor Jürgen. Aber vielleicht saßen beide auf dem selben Stuhl?



Was (fast) alle machten: Hitlerjugend (HJ)
Mit neun Jahren ging Jürgen ab 1935 zur „Christlichen Jugend“, die dann schon bald verboten wurde und in der HJ mit ihrem Alleinvertretungsanspruch „aufging“. Es war ganz „normal“. Ab dem 10. Lebensjahr gingen die Kinder als „Pimpfe“ zur Hitlerjugend. Dort wurden sie auf einen Kriegseinsatz als Soldaten vorbreitet. Was für die Jungs sehr spielerisch wirkte, verfolgte klare Ziele. Jedoch waren die Leistungsziele so niedrig angesetzt, dass eigentlich jeder sich angenommen und bestätigt fühlte. Im Zentrum des Ziels stand die ideologische nationalsozialistzische Indoktrinierung.
Unser Vater war Beamter. Ein sehr ordentlicher und pflichtbewusster Beamter. Er hat sämtliche Unterlagen und Dokumente aus seiner Kindheit und Jugend bis zu seinem Tode aufbewahrt und ich habe sie erst 2025 beim Aufräumen seines Nachlasses entdeckt. Weil ich beim Suchen im Internet diese Detailtiefe der historischen Dokumente nicht ausfindig machen konnte, entstand bei mir der Gedanke, diese hier auf der privaten Seite als Zeitzeugnisse zu präsentieren. Gerade in einer Zeit, wo nach fast 100 Jahren wieder faschistisches Gedankengut in deutsche Parlamente eingezogen ist, möchte ich hier mahnend dokumentieren, wie es passieren konnte, dass mein Vater als junger Mensch zu einem (kleinen) Werkzeug eines kriegtreibenden Terrorregimes wurde. Aufgrund des Verbots in Deutschland, nationalsozialistische Symbole zu zeigen, versuche ich die schriftlichen und gedruckten Dokumente, die selbstverständlich total reich gespickt sind mit Hakenkreuzen und anderen S-Symbolen hier nicht zu veröffentlichen. Alle Bilder dienen ausschließlich der historischen Dokumentation.


Die Reiter-SA in Schleswig-Holstein hat eng mit der Hilterjugend zur Nachwuchserziehung zusammengearbeitet, so ergab sich die Besonderheit eines berittenen Fanfarenzuges in der HJ bei der Jürgen das Reiten lernte.



Ein Artikel zu „Krieg und Spiel“ vom Institut für Ludologie zeigt, welche verklärenden, manipulativen Themen in einem Kinderbuch benutzt wurden, um das Soldatenleben als etwas Anstrebsames und Abenteuerliches im Nationalsozialismus darzustellen.


Die Leistungsabzeichen der Hitlerjugend sind konzipiert wie ein Levelsystem in einem Spiel. Bei Wikipedia sind diese aufgeführt: HIER.
Hinweise auf andere Sichtweisen und Wahrnehmungen: Die Luftpost der Engländer
Die Royal Air Force




Downloadlink für das PDF zum Flugblatt „Luftpost“ Nr. 8 vom 9. Juli 1941 der britischen Royal Air Force:
Luftpost_der_Royal_Air_Force_II_Weltkrieg_Flugblatt_Seite_1-4_1941_Juli_9
Luftangriff auf Lübeck am Palmsonntag, den 29. März 1942
Am 29. März 1942, dem Palmsonntag, der Sonntag vor Ostern, flog die britische Luftwaffe (Royal Air Force) einen ihr ersten Angriffe mit einem Flächenbombardement auf die mittelalterliche Hansestadt Lübeck. Der Vater, unser Opa, vom damals noch 16-jährigen Jürgen war vier Jahre Soldat im I. Weltkrieg 1914-1918. Bei dem Fliegeralarm um Mitternacht erkannte er anhand der ersten Abwürfe, dass die Briten Brandbomben nutzten, die duruch die Dächer der Häuser schlugen und sich dort dann das Phospor entzündete, um die hölzernen Dachstühle zu entflammen.

Beim Fliegeralarm liefen die meisten Menschen in die wenigen, vorhandenen Bunker oder in den eigenen Keller, um sich zu schützen, weil sie sich vor Sprengbomben in Sicherheit bringen wollten. Unser Opa entschied sich spontan dagegen und tat das Gegenteil, schrie seinen Sohn Jürgen an, dass sie mit Schaufeln bewaffnet auf das Dach ihres Hausen gelaufen sind. Dort oben standen sie und haben mit ihren Füßen und Schaufeln die einschlagenden Brandbomben vom Dach nach unten auf die Straße befördert, wo sie weniger Schaden anrichteten konnten, weil sich dort auf den Steinen nichts entzünden konnten und die Phosparflammen schnell erloschen. Jürgen hat die später eingesammelten Metallsplitter dieser Bomben sein ganzes Leben lang in seinem Nachttisch aufbewahrt.

Auf dem Dach stehend, sahen sie dann zur Lübecker Altstadt herüber wo sich ein regelrechter Feuersturm entwickelte. Der Himmel wurde von den Flammen in einer sternklaren Nacht hell erleuchtet. Einige Nachbarhäuser gingen ebenfalls in Flammen auf, weil die Eigentümer und Bewohner in ihren Kellern hockten und kaum jemand auf die Idee kam, die Bomben oben zu bekämpfen. Alle warteten, bis der Angriff vorbei sein sollte und so wurden viele Menschen unter ihren zusammenstürzenden Häusern begraben.

Ihre geliebte Heimatstadt verbrannte vor den Augen unseres Opas sowie unseres späteren Vaters. Die beiden konnten nur ihr eigenes Haus durch ihren Einsatz auf dem Dach retten, sahen aber über zwei Stunden hilflos zu, wie alles um sie herum durch das Feuer vernichtet wurde. Für den 16-jährigen Jürgen war dies ein sehr emotionaler Moment und der Entschluss stand fest, Schuld waren die „bösen Engländer“, gegen die er nun bald in einen Krieg ziehen wollte, von dem er meinte, er müssen seine Stadt und sein Vaterland verteidigen.

Bei Tagesanbruch war die gesamte Katastophe offensichtlich. Die Briten hatten 25.000 Brandbomben mit ihren 234 Flugzeugen abgeworfen. Nur 12 Maschinen konnten von der schwachen Lübecker Luftabwehr und ihren Flakgeschützen abgeschossen werden. Aus britischer Sicht ein voller Erfolg. Der Angriff sollte die deutsche Bevölkerung moralisch zermürben. Bei Jürgen löste der verheerende Luftangriff aufgrund der von ihm erlebten nationalsozialistischen Indoktrination während seiner Zeit in der Hilterjugend eine Motivation aus, endlich „unter die Soldaten“ zu wollen, weil er glaubte, für eine „gerechte“ Sache kämpfen zu müssen.
Reichsfinanzschule in Herrsching
Die deutsche Wehrmacht hat 1942 keine Soldaten aufgenommen, die nicht das 18. Lebensjahr vollendet hatten. Jürgen durfte noch nicht zum Militär, worüber seine Eltern natürlich sehr froh waren. Jürgen hat nach der 10. Klasse mit der Mittleren Reife die Schule beendet, um in den Staatsdienst zu gehen. Da er außergewöhlich gute Leistungen in Mathematik erbracht hatte, wurde er für eine Ausbildung an der Reichsfinanzschule vorgeschlagen, die in Herrsching am Ammersee bei München in Bayern war. Weit weg von der zerbombten Heimatstadt Lübeck. So begann er dort ab dem Sommer 1942 eine Ausbildung für den Zoll- und Verwaltungsbereich der Finanzämter.

Zur Reichsfinanzschule gehörte ein Sportplatz und eine Sporthalle sowie das Schwimmen im nahegelegenen Ammersee als „Ausgleich“ zu einer intensiven und komprimierten Ausbildung für den öffentlichen Finanzbereich. Aus dem Hobby, dem Schwimmen, das Jürgen in seiner Heimatstadt Lübeck an der Ostsee auch in dem Fluss Wakenitz pflegte, entstand in Herrsching am Ammersee der Wunsch, den Grundschein zur Lebensrettung der DLRG zu absolvieren.

Jürgen absolvierte die Prüfung am 7. August 1942 im Alter von 16 Jahren, durfte aber den Ausweis noch nicht unterschreiben, weil dieser erst nach der Vollendung des 17. Lebensjahres die „Erwerbung des Leistungsscheines“ vorsah.

Diese Ausbildung zum Lebensretter, das damit verfestigte Selbstbewusstsein und die damit verbundene Einstellung zur Hilfsbereitschaft sollte ihn in den 1950ern befähigen, eine um Hilfe schreiende Frau vor dem Ertrinken aus einem Baggerseee zu retten.
Während seiner Ausbildungszeit nutzte Jürgen die Möglichkeit, sich in Oberbayern touristisch umzusehen. Da ihm das Geld für den Kauf von Souvenirs fehlte, nutzte er sein Postsparbuch, um die Erinnerungen an seinen Aufenhaltsort neben einem Foto zu verewigen. Poststempel gab es bei Ein- und Auszahlungen von 1 RM in jeder Postfiliale kostenfrei. So ist sein aufbewartes Sparbuch ein wunderbares Reisedokument und wir wissen, dass er am 28.02.1943, kurz nach seinem 17. Geburtstag, in Berchtesgaden war.

Reichsarbeitsdienst am Militärflughafen Ahlhorn und Bremen
Geschützstellungen zur Flak-Verteidigung des Bremer und Ahlhorner Flughafens wurden durch den Reichsarbeitsdienst gebaut. Da die „Kinder“ Mitte 1943 noch nicht an die Front sollten, Jürgen erst 17 Jahre als war, wurde er zum Bau von Verteidigungsanlagen, Baracken und zum Beladen der wiederkehrenden Kampfflugzeuge mit Munition und Bomben hauptsächlich am Ahlhorner Militärflughafen (1916-1995) in der Nähe von Oldenburg eingesetzt. Tatsächlich beschrieb er das Gefühl der „Genugtuung“ beim Beladen der Bomber, weil diese anschließend nach England flogen und die Engländer waren es doch, die seine Heimatstadt Lübeck am Palmsonntag mit ihren Bomben 1942 in Flammen aufgehen ließen und zerstörten. Er glaubte, etwas „Gerechtes“ zu tun (Poststempel im Sparbuch vom 27.10.1943 aus Alhorn, 11.03.1944 aus Bremen).

Vom wirklichen Kriegsverlauf und dem Stand der Dinge bei der Wehrmacht hat Jürgen während seiner „Pflichterfüllung“ an den Flughäfen nicht direkt etwas erfahren. Die Verluste bei der Luftwaffe waren zwar schon sehr deutlich zu spüren, aber die Propaganda verbreitete weiterhin Erfolgsmeldungen und der Luftkrieg der Alliierten gegen Deutschland begann 1943 erst nach der Casablanca-Konferenz besonders heftig mit einer Bomberoffensive zu werden. Die Alliierten wollten die Kampfmoral der Deutschen durch die Flächenbombardements in den Städten schwächen. Auf dem Flughafen in Ahlhorn standen kaum Abfangfäger, die irgendetwas hätten verhindern können. Alluminium für die Produktion neuer Flugzeuge fehlte, Treibstoff für die bestehenden Flieger fehlte und es fehlten immer mehr Piloten, die überhaupt fliegen konnten.

Wehrmacht, Kriegseinsatz und Desertation
Am 22. Februar 1944 wurde Jürgen 18 Jahre alt. Nun war die Zeit gekommen, zur Wehrmacht zu „dürfen“. Der Endsieg war noch nicht errungen. Im Gegenteil. Jürgens Vater als Weltkriegsteilnehmer von 1914 bis 1918, mit drei Kriegsverletzungen und entsprechenden Larzarettaufenthalten, ahnte nicht nur die kommende Niederlage, er hörte auch heimlich im Radio den „Feindsender“ BBC und riet seinem Sohn bei dem kommenden Einberufungsbefehl, sich auf jeden Fall „hinten“ zu halten. Die mathematischen Fähigkeiten von Jürgen waren eine Empfehlung für die Artillerie. Die Verlustrate mit den zahlreichen Toten bei der Infanterie waren wohl bekannt. Mit Mathe konnte man die Flugbahnen der Geschosse berechnen. Ein wesentliches Argument, nicht nach vorne zu müssen.
Die Ausbildung zum „Kanonier“ erfolgte in Verden an der Aller bei der 2. Ausbildungs-Batterie des Artillerie-Regiments 22. In Jürgens Akten ist die Genehmigung, dass „gegen den Besuch durch die Mutter Frau Erna Junge, wohnhaft Lübeck, Wickedestr. 33-35 am 13.-18.10.1944 dienstlich Bedenken nicht bestehen.“ Da wollte Jürgens Mutte noch einmal ihren Sohn sehen, bevor er an die Front musste.

Neben Jürgen wurden aber auch seine Klassenkameraden aus dem Jahrgang 1926 in diesem Jahr 1944 zur Wehrmacht eingezogen. Die Klasse hatte darüber hinaus „Glück“, weil im Westen eine neue Front entstand und die Kinder aus Lübeck nicht an die Ostfront geschickt werden mussten.
Am 06.06.1944 landeten die Alliierten in Nordfrankreich, um Europa vom Nationalsozialismus und dem damit verbundenen Terrorregime zu befreien. Die deutschen Verteidigungslinien, der „Atlantikwall“, hielt dem Ansturm der britischen, amerikanischenn und kanadischen Soldaten nicht stand (s. Wikipedia, „Operation Overlord„, D-Day). Die Alliierten rückten schnell durch Frankreich, die Niederlande und Belgien vor, bis an den Rhein.

Und 18-jährige, ehemalige Hitlerjungs des Jahrsgangs 1926 sollten nun schlecht bewaffnet als Soldaten gegen diese internationale Übermacht antreten? Jürgen ist noch voller Euphorien, jetzt nicht nur am Flugplatz „rumhängen“ zu müssen an die Westfront gekommen. Er glaubte noch immer an den deutschen Endsieg, auch wenn sein kriegserfahrender Vater ihn versuchte, mit der Realität zu konfrontieren. Die Realität erfasste ihn nach ein paar Tagen an der Front.

Zur Ausbildung als Soldat gehörte auch ein Kurs bei der Wehrmacht, die mit dem Symbol des Roten Kreuzes für Jürgen im August 1944 mit einem „Personalausweis“ bescheinigte, dass er „Hilfskrankenträger“ sei und deshalb Verletzte vom Schlachfeld holen könnte.

Wie Jürgen durch seinen Vater motiviert wurde, hatte es geklappt, zusammen mit seinem Schulkameraden Michael Bergmann kam er zum ehemals reitenden Artillerie-Regiment 22, 1. Batterie, das eigentlich in Verden an der Aller (zwischen Bremen und Walsrode) stationiert war, Feldpostnummer 20427. Vorletzter Eintrag im Postsparbuch vom Postamt in Verden an der Aller: „Betrag der Einlage“, 3 RM, 12.02.1945 (am Geburtstag seines Vaters). Von dort aus ging es an die Front.
Jürgen hat aus dieser Zeit jedes Dokument über Jahrzehnte aufbewahrt. Auch sein Soldbuch, inkl. dokumentierter Blutgruppe 0 und „Gasmaskengröße 2“.

Alles hatte seine „Ordnung“. Jede Kleinigkeit wurde erfasst, musste genehmigt werden und schriftlich dokumentiert. Auch wenn Jürgen nur von der Kaserne „in die Stadt“ wollte, brauchte es eine „Urlaubskarte“ für den Stadturlaub bis 1:00 nachts.

Das Regiment wurde mit erfahrenen Soldaten „aufgefüllt“, die vorher an der Ostfront waren. In den gemeinsamen Unterkünften schrien einige der Soldaten nachts erbärmlich. Die „Kinder“, wie die Soldaten Jürgen und Michael mit ihren jungen Freunden nannten, fragten natürlich, was los sei. Einer der Soldaten hat ausführlich geschildert, wie er in Russland kleine Kinder und ihre Mütter erschießen musste, wie er Massengräber sich füllen sah, wie die Schreie der Sterbenden ihn jede Nacht wieder einholen. Er schilderte den Jungs die Ausweglosigekeit des Krieges, dass Deutschland niemals gewinnen könne und das die Rache für all die Verbrechen, die die Nationalsozialisten und die Wehrmacht begangen haben, schrecklich sein wird. Er forderte die jungen Soldaten auf, abzuhauen. „Ihr habt das ganze Leben vor euch! Lasst euch hier nicht abschlachten. Seht zu, dass ihr hier wegkommt. Für dieses Land lohnt es sich nicht, sich erschießen zu lassen.“ etc.
Für die ehemals überzeugten Hitlerjungs brach eine Welt zusammen. Ihr Hauptmann sowie ihr Kommandeur Oberst Adolf-Wilhelm von Salviati waren sehr ernüchtert und kriegsmüde. Vom Kommandeur wussten sie, das eines seiner Familienmitglieder, Major Hans-Viktor Graf von Salviati in Haft saß, den die SS später hinrichten sollte, weil er wohl in Verbindung zum versuchten Putsch gegen Hitler am 20. Juli 1944 stand. Sie erfuhren vom Widerstand zahleicher Militärs gegen das Hitler-Regime. Eine Gefahr von den Vorgesetzten, wenn sie desertieren würden, schien nicht mehr auszugehen. Mit dem Gefühl, dann doch eigentlich nichts Verwerfliches sondern etwas Richtiges zu tun, beschlossen Jürgen und Michael, sich mit einem Spaten zu bewaffnen, sich selbst im Wald zu vergraben, mit einem ausreichenden Luftloch nach oben, sich von den amerikanischen Truppen, gegen die sie kämpfen sollten, überrollen zu lassen und dann immer nachts hinter der nach Osten vorrückenden Westfront im Dunkeln hinterherzuschleichen. Als Nahrung dienten den beiden die von an Amerikanern nur dürftig ausgekratzen und liegengelassenen Konservendosen.
Ihre Waffen hatten sie weggeworfen. Von einem sehr freundlichen Bauern, an dessen Hof sie in der Nähe von Eisbergen an der Weser vorbeikamen, konnten sie ihre Uniformen loswerden und erhielten zivile Kleidung aus dem Kleiderschrank seines Sohnes, der irgendwo im Krieg verschollen war. Weiter ging es, zu Fuß Richtung Lübeck, nach Hause, dachten sie.
Amerikanische Kriegsgefangenschaft
Die Flucht und das nächtliche Wandern waren nach ein paar Tagen beendet. Eine amerikanische Nachhut hat die zwei Jungs entdeckt und trotz der bewusst organisierten Zivilkleidung als deutsche Soldaten eingeschätzt. Es führte kein Weg vorbei. Beide kamen unverzüglich in die Kriegsgefangenschaft. Allerdings waren die Amerikaner noch gar nicht darauf vorbereitet, so viele deutsche Soldaten zu inhaftieren. Als Jürgen im ersten von Amerikanern erbauten Kriegsgefangenenlager in Rheinberg bei Duisburg ankam, stand noch gar kein Stacheldrahtzaun.

Kriegsgefangenenlager Rheinberg bei Duisburg
Im Juni 1945 wurde das Gefangenenlager an die britische Armee übergeben. Kurze Zeit später begannen die Briten, das Lager bis zum September reduzieren und auflösen zu wollen, weil man für den kommenden Winter keine Unterkünfte bauen wollte. An einem für Jürgen besonderen Tag hatten sich einige Gefangene in Hundertschaften aufzustellen und anzutreten. Jürgens Schulkamerad, Michael (Micky) Bergmann, stand zufällig in einer Gruppe gegenüber, da rief sein Freund, „Komm‘ rüber, Jürgen, hier sind auch Leute aus Lübeck!“ Eine innere Stimme sagte aber zu ihm „bleib bei Deiner Gruppe stehen“, einige von den Leuten um sich herum kannte er ja auch schon. Außerdem wusste keiner, was jetzt passieren würde. Der britische Lagerkommendant schritt durch die Mitte der dort stehenden Männer und teilte sie. Er blieb dann stehen, drehte sich um. Guckte nach links, guckte nach rechts. Und sagte dann: „Ihr könnt nach Hause“ und zeigte auf die Gruppe, wo mein Vater stand. Der anderen Gruppe sagte er: „Ihr kommt ins Arbeitslager.“ So musste Michael Bergmann zusammen mit den Männer „auf der falschen Seite“ noch 1 1/2 Jahre in einem britischen Arbeitslager als Gefangener arbeiten und Jürgen wurde nach Hause geschickt.
Zufall? Fügung? Egal wie, nur durch dieses unvorhersehbare Ereignis mit seinen jeweiligen Konsequenzen, konnte mein Vater seine spätere Frau Traute und unsere Mutter in Lübeck so früh kennenlernen. Wer weiß, ob dies eineinhalb Jahre später passiert wäre. So verdanke ich einem britischen Lagerkommandanten und seiner Laune wohl mein Leben… einer von zahleichen Zufällen.
Nachkriegszeit und Wiederaufbau
Jürgens Vater hatte seinen Sohn immer davon abgehalten in die NSDAP als Parteimitglied einzutreten. Trotz seiner unreflektierten Zeit in der Hitlerjugend und beim Reichsarbeitsdienst hätte er ab dem 17. Lebensjahr und dann auf jeden Fall als 18-jähriger Mitglied werden können und als zukünftiger Beamter dann auch müssen.

In der britschen Besatzungszone in Schleswig-Holstein wurden für den Aufbau neuer staatlicher Strukturen nach dem Krieg vertrauensvolle Mitarbeiter ohne auffällige nationalsozialitische Vergangenheit dringend gesucht. Jürgen erhielt sofort nach seiner Gefangenschaft ein Angebot, bei der Zollfahndung einzusteigen, weil er ja die kurze Ausbildung an der Reichtsfinanzschule in Herrsching in Oberbayern vorweisen konnte. So erhielt er zügig am 2. Oktober 1945 seinen Dienstausweis als ap. Zollinspektor, d.h. „außerplanmäßiger“ Beamter, für den es noch keine offizielle Stelle gab, der aber eine abgeschlossene Ausbildung hätte. Die britische Regierung wollte unbedingt gegen die stark aufkommende Schwarzbrennerei vorgehen und suchte dafür Personal.
Als Dienstausweis wurden die alten Ausweispapiere (gedruckt 1938) verwendet und mit einem fetten schwarzen Stempel musste das Hakenkreuz überdeckt werden. Eine funktionierende Druckerei für die Beschaffung neuer Ausweise war noch nicht wieder in Betrieb und neue Stempel mit neuen staatlichen Hoheitszeichen gab es auch noch nicht.

Meist in privaten Haushalten, Gaststätten und auf Bauernhöfen wurden hochprozentige, alkoholische Getränke illegal hergestellt, die jedoch mit sehr ernsthaften gesundheitlichen Risiken durch Mentholvergiftung und Verunreigungen in den Spirituosen verbunden waren. Zahlreiche Menschen erblindeten und einige starben. Selbstverständlich war der Verkauf dieser Produkte auch mit einer entsprechenden Steuerhinterziehung verbunden.

Text des Zollausweises: „Umstehend bezeichneter Inhaber dieses Ausweises ist berechtigt, die Durchführung der Zoll- und Verbrauchsabgabengesetze, sowie der sonstigen Gesetze, deren Vollziehung der Reichszollverwaltung übertragen ist, zu überwachen und die ihm auf Grund dieser Gesetze und der Reichsabgabenordnung zustehenden Dienstbefugnisse im Aufsichts-, Ermittlungs- Strafverfahren sowie im Mahn- und Vollstreckungsverfahren auszuüben.“ Ja, auch seine Schießabzeichen aus der HJ-Zeit waren von Vorteil, denn er sollte seinen Dienst gegen illegale Schwarzbrenner bewaffnet durchführen können.

Das Bundesland Schleswig-Holstein wurde am 23. August 1946 offiziell gegründet. Im Ministerium des Innern wurde die Abteilung für Entnazifizierung und Kategorisierung eingerichtet. Auf der „Rattenlinie Nord“ sind sehr viele Nazis und Kriegsverbrecher beim Zusammenbrechen des III. Deutschen Reiches nach Schleswig-Holstein geflohen. Die letzte Reichsregierung nach Hitlers Selbstmord am 30. April 1945 in Berlin, die unter dem Großadmiral der Reichsmarine Karl Dönitz in Flensburg entstand, ernannte diese kleine Stadt an der Ostsse zur Reichhauptstadt des besiegten Großdeutschen Reiches, bis die Engländer erst am 23. Mai 1945 dem Spuk ein Ende machten und die dortige „Reichsregierung“ verhaftete. Viele Nazis konnten aber in Schleswig-Holstein auch nach Kriegsende untertauchen. Die Arbeit der Abteilung zur Entnazifizierung lag in den ersten Jahren vor allem auf den schweren Fällen der eindeutigen Kriegsverbrecher und öffentlich aktiven Nationalsozialisten. So erhielt Jürgen Junge seine „Entnazifierungsbescheinigung“ erst drei (!) Jahre nach seinem Amtsantritt als Zollbeamter, am 10.08.1948, in der Kategorie V, d.h. als Person, die nachweisen konnte, dass sie nach der aktuellen Gesetzeslage nicht schuldig war, eine geringe Belastung durch die Aktivitäten während des NS-Regimes vorlag, was zu einer Weiterbeschäftigung als Zöllner und Beamter sowie zur vollständigen Entlastung führte, weil die Kategorie 5 die leichteste Einstufung darstellte. „Arbeitsdienst“ am Flughafen und Fronteinsatz reichten als Beleg für schwerwiegende, persönliche Taten und zu einer höheren Einstufung zum Glück für ihn nicht aus.
Durch die frühe Berufstätigkeit als Zollinspektor und die dann anschließend vollzogene Verbeamtung bestand ein solides Arbeitverhältnis mit gesichertem Einkommen in einer ansonsten für viele andere Menschen ökonomisch sehr schwierigen und mühsamen Nachkriegszeit.


Das beginnende Wirtschaftswunder


Aufsuchen des Fluchtwegs von 1945 durch das Weserbergland 1973
Im Jahr 1973, als ich 9 Jahre als war, ist mein Vater mit mir allein in den „Urlaub“ ins Weserbergland gefahren. Meine Mutter lag gerade im Krankenhaus und mein Bruder Jörg war schon zu Hause ausgezogen. Mein Vater hatte sich vorgenommen, mir von seiner Flucht im II. Weltkrieg zu erzählen. Es war das erste Mal in seinem Leben, dass er davon erzählte. Viele der Eltern aus der Wickedestraße, die ihn nach dem Krieg ihn fragten, warum er überlebt hat und ihre Söhne nicht, waren inzwischen verstorben. Ihnen und anderen Menschen wollte er direkt nach dem Krieg nie erzählen, dass er mit seinem Schulkameraden Micky Bergmann desertiert ist. Die beiden Jungs, damals 18 Jahre alt, wollten sich zu Fuß auf den Weg in ihre Heimatstadt Lübeck begeben und mussten sich natürlich vor deutschen und amerikanischen Truppen verstecken. Eines ihrer Verstecke war eine Höhle im Gestein des Weserberglandes in Rinteln zwischen der Paschenburg und der Schaumburg.
Untergekommen sind wir 1973 in der Pension Hartmann in Rinteln, Höhenweg 24. Von dort aus haben wir unsere täglichen Wandertouren gestartet, um zusammen, 28 Jahre später, den Fluchtweg entlang zu laufen, den er gegangen ist. Als wir die Höhle entdeckt hatten, begann er erst mich aufzuklären, warum wir gerade hier den „Urlaub“ machten. Das erste Mal konnte er vom Krieg und seiner Flucht zu erzählen. Ich war damals noch viel zu jung, um alles zu verstehen und konnte mir nicht alle Geschichten merken. Bei einer weiteren Wanderung kamen wir an einem Bauernhof vorbei, wo er mit seinem Freund die Wehrmachtsuniform 1945 ablegen konnte und der Bauer den beiden Jungs zivile Klamotten von seinem Sohn geschenkt hatte, damit sie hoffentlich auf ihrem weiteren Weg nicht als Soldaten erkannt wurden. Den Bauernhof gab es 1973 immer noch und meinem Vater wurde ganz warm ums Herz wegen der Hilfsbereitschaft. Der Bauer hatte seinen Sohn leider im Krieg verloren.

Pensionär und Großvater
Der deutsche Zoll hatte in den 1980ern wohl zu viele Beamte und Mitarbeiter. Jedenfalls legte er ein Programm für die Frühpensionierung auf. Jürgen Junge war seit Oktober 1945 als Zollinspektor tätig (s.o.), so hatte er 1986 zu seinem 60. Geburtstag mehr als 40 Jahre beim Zoll in verschiedenen Funktionen gearbeitet, da kam das Aussteigerprogramm für ihn gerade recht. Er erfüllte beide Bedingungen, 40 Jahre Dienst und mindestens 60 Jahre alt. Er konnte unverzüglich seinen Beruf loslassen und sich auf das Leben als Pensionär einstellen.
Das Grundstück in Harrislee ist fast 1000 qm groß und hat viel Rasen und Grünzeug, das von Jürgen kontinuierlich „in Schuss“ gehalten wurde. Körperliche Fitness war meinem Vater immer wichtig. Neben den täglichen, ausgedehnten Spaziergängen rund um die Flensburger Förde nachmittags wurde das Grundstück mit gr0ßer Rasenfläche für die frühmorgendlichen Gymnastikübungen mit ergänzenden Sprinteinlagen barfuß an frischer Luft genutzt.



Wenn Jürgen keine alte Zollkleidung trug, dann putze er sich zu immer gerne zu allen familiären Anlässen mit Anzug und Krawatte fein heraus. Auch ein Standard: Wenn es etwas zu feiern gab, dann stand auch immer Sekt im Sektkühler auf dem Tisch. Wenn alle Anwesenden Sekt tranken, dann blieb er beim Wasser, weil er ja noch fahren musste.
Das Leben im Alter
Im höheren Alter lief das Leben von Jürgen Junge sehr routiniert, gar ritualisiert ab. Morgens nach dem Aufstehen, standen die Gymnastik und der Sport mindestens 30 Minuten auf dem Programm. Um 8:30 Uhr wurde gefrühstückt, danach die Zeitung gelesen, um 12:30 Uhr Mittag gegessen mit anschließendem Mittagsschlaf, danach folgte ein Sparziergang am Nachmittag von mindestens einer Stunde und um 18:30 Uhr wurde zu Abend gegessen. Ab 19:30 Uhr lief das 3. Programm mit dem Schleswig-Holstein-Magazin im NDR-TV inkl. der Tagesschau um 20:00 Uhr. Spätestens um 22:00 Uhr war Bettgehzeit. Jeden Mittwoch wurde „getoffert“, d.h. beim Hotel des Nordens im dortigen Außenbecken drei Stunden geschwommen. Nicht gebadet. Jürgen zog jahrzehntelang seit seiner Pensionierung 1986 dort kontinuierlich seine Bahnen im Wasser. Mit der Pandemie und dem Lockdown 2020 war mit diesem Sport dann leider Schluss.




Krankhaus, Tod und die Beerdigung
Am 12.02.2025 (dem 144. Geburtstag seines Vaters) ist unser Vater bei einem nächtlichen Toilettengang zu Hause gestürzt und hat sich den Oberschenkelhals gebrochen. In der DIAKO, dem zuständigen Krankenhaus in Flensburg, stand die entsprechende Operation an. Nach dieser ersten Operation, wo uns die behandelnden Ärzte meinem Bruder und mir schon im Vorwege sagten, dass bei einer OP „in dem Alter“ die Überlebenswahrscheinlichkeit bei 10% liegt, hat Jürgen Junge diese Chance genutzt und wir konnten seinen 99. Geburtstag im Krankenhaus feiern.

Nach der OP verzögerte sich der Heilungsprozess und eine Entzündung in der Operationswunde sorgte dafür, dass die Ärzte nur in einer zweiten Operation eine Lösung des Problems sahen. Wieder meinten die Ärzte, dass er nur eine geringe Überlebenswahrscheinlichkeit „in dem Alter“ hat, aber nach einer so schweren Operation, sollte sie gelingen, würde er gesichert auf die Intensivstation kommen, um ihn gut überwachen zu können.
Als wir am 15. März als Familie unseren Vater besuchten, hatte er auch die zweite OP überstanden und begrüßte uns ganz fröhlich nach dem Aufwachen. Er lag in einem normalen Krankenbett, keine Intensivstation. Wir wunderten uns nur kurz, freuten uns, dass alles so gut gelaufen sei.
Ein Thema des Besuches war die Mütze der Mutter. Unsere Mutti wollte wegen des Weges von zu Hause zum Auto und ins Krankenhaus gerne eine Mütze dabei haben. Nur diese Müzte hatte sich ständig irgendwo versteckt, dass ständig die Frage aufkam, wo denn die Mütze sei. Bei der Verabschiedung nach dem Besuch am Krankenbett unseres Vaters habe ich aus Spaß die Mütze meiner Mutter auf meinen eigenen Kopf gesetzt, damit wir sie auf jeden Fall schnell wiederfinden. Diesen Spaß hat unser Vater gerne mitgemacht, als ich ihn fragte, ob er denn Muttis Mütze gesehen hätte? Dabei hat uns Jörg fotografiert. Wir ahnten nicht, dass es das letzte Foto sein wird und verabredeten uns für den nächsten Tag.

Jörg und ich saßen am 16. März 2025 in unserer Flensburger Wohnung, frühstückten und planten den Tag. Ich hatte Brötchen vom Bäcker geholt, da bekamen wir den Anruf aus dem Krankenhaus, dass unser Vater früh morgens, wohl gegen 4:00 Uhr, verstorben sei. Der Schock saß tief. Wie konnte das geschehen? Nun doch?
Nachdem wir unsere Mutter informiert hatten, sie aus Harrislee zum Krankenhaus gefahren hatten, um sich dort das letzte Mal von unserem Vater zu verabschieden, konnten wir nicht anders, dann doch den Chefarzt zu fragen, warum nicht, wie angekündigt, unser Vater zur Überwachung nach der OP auf die Intensivstation gekommen ist. Die Antwort war ernüchternd. Das Ärzteteam hätte so entschieden, nicht er allein. Die Intensivstation war voll belegt. „Und bei dem Alter…“ hatte unser Vater also kein Intensivbett erhalten. Sehr routiniert hat uns der Chefarzt erklärt, dass, wie immer in solchen Fällen, die Kriminalpolizei informiert sei und die Leiche nun beschlagnahmt hätte, um eine Untersuchung einzuleiten, aber mit den Krankenhausunterlagen und „bei dem Alter“ wird die Untersuchung nicht lange dauern. Die Leiche würde sicherlich zügig für die Beerdigung freigegeben werden. Das mussten wir erst einmal innerlich verarbeiten. Überlegen. Machen wir etwas? Nehmen wir das so hin? Nach länger interner familiärer Diskussion haben wir es so hingenommen. Jede Aktion hätte nichts geändert. Wir begannen, die Beerdigung zu planen.

Die Trauerfeier fand am 3. April 2025 in der Versöhnungskirche in Harrislee statt. Einige Freundinnen und Freunde reisten von weit her an. Die zuständige Pastorin hatte für eine Beerdigung keine Zeit und schickte einen Vertreter. Der kannte unseren Vater natürlich überhaupt nicht. So entschieden wir gemeinsam mit ihm, dass Jörg und ich bei der Trauerfeier etwas zu unserem Vater und seinem Leben erzählen und nicht er. Wir beide haben uns vorher einen passenden Text mit den entscheidenden Lebensphasen überlegt, aufgeschrieben, aber dann doch tatsächlich frei vorgetragen. Uns beiden versagte dabei nur einmal die Stimme ein bisschen… aber es tat uns allen gut, einen sehr persönlichen Abschied gestalten zu können.
Mutter und Vater kauften schon vor über 10 Jahren auf dem Friedhof neben der Kirche eine Urnengrabstätte, als dies noch ging. Sie hatten alles sehr langfristig vorbereitet. Nach der der Beerdigung erschien in der Tageszeitung, dem Medium, das unser Vater viele Jahrzehnte täglich las, dem Flensburger Tageblatt des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlages, die Traueranzeige.

Text aus der Traueranzeige
Jesus Christus spricht:
Wer auf mein Wort hört und dem glaubt, der mich gesandt hat,
der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht,
denn er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen.
Johannes 5, 24
